Schadstoffe in Elektrogeräten

InhaltAlter Fernseher - Elektroschrott

 

Fast alle lieben es, das Handy

Heute ist das Handy der Deutschen liebstes Spielzeug. Es hat das Auto abgelöst. Mittlerweile gibt es in Deutschland mehr Handy-Verträge als Einwohner.
Wir denken: Grund genug, einmal darüber nachzudenken, was drin ist!

Von 2008 bis 2012 untersuchte die US-amerikanische Gesundheitsorganisation HealthyStuff  36 Handy-Modelle auf ihre chemischen Bestandteile.
Demnach enthalten Mobiltelefone bis zu über 40 chemische Elemente - einschließlich Persistente organische Schadstoffe (POPs), die bis zu 23 % des Gewichts eines Mobil-Telefons ausmachen können. POPs sind organische Verbindungen, die in der Umwelt nur sehr langsam abgebaut werden und sich  – da sie sowohl als Gas als auch fest an Staubpartikeln gebunden vorkommen - leicht global verteilen. Sie können sich in der Natur anreichern, aber ebenso im Menschlichen Körper.

100% der untersuchten Handys enthalten eine oder mehrere der folgenden  Chemikalien: Brom, Chlor, Blei, Quecksilber und Kadmium. Alle werden in der Elektroindustrie zwar gerne verwendet, sind aber in der EG-Richtlinie zur Beschränkung der Verwendung bestimmter gefährlicher Stoffe in Elektro- und Elektronikgeräten (RoHS, siehe unten) als „Gefahrstoff“ eingestuft und nur noch in sehr geringen Mengen erlaubt sofern keine Alternative bereitsteht.
Alle untersuchten Mobiltelefone enthalten eine große Anzahl gefährlicher Stoffe, die, wenn sie verbrannt oder auf Deponien gelagert werden, Luft, Boden und Trinkwasser verseuchen können.
 

Geliebt und gehasst, PC und Co.

Computer stehen in Arbeitszimmern, Wohnzimmern, Kinderzimmern und im Büro. Eine Komplettausstattung schließt viele Peripheriegeräte ein.
Einige davon untersuchte die Zeitschrift c‘t etwas näher (Ausgab Februar 2014).
Was wenige ahnen: im Schadstoff-Ranking hoch oben stehen Ohrhörer.
Alle 4 von 4 getesteten Ohrhörer waren bedenklich mit schädlichen Chemikalien belastet, ebenso 4 von 7 Computermäuse, 2 von 3 USB-Kabeln und 4 von 6 Tastaturen.
"Wahre Giftbombe", nannte die Redaktion einen der Ohrhörer, weil dieser gleich mit mehreren dieser  Chemikalien belastet war.
In einigen Fällen waren in den Elektroartikeln sogar verbotene giftige Substanzen enthalten, z.B. kurzkettige Chlorparaffine (SCCP). Diese Substanz wird laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) verdächtigt, Krebs zu erzeugen. Sie trat in allen Ohrhörern, in zwei Mäusen, einer Tastatur und zwei USB-Kabeln auf.
In einer Tastatur befanden sich 534 mg/kg umweltschädliche polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK). Das übersteigt den in 2015 in Kraft tretenden Grenzwert mehrfach.
Obwohl es geeignete Alternativen gibt, war der PVC-Weichmacher DEHP  in 11 von 28 Produkten enthalten.

Erwähnenswert ist, dass nicht die Produkte, die am giftigsten nach Chemikalien rochen, auch tatsächlich die giftigsten waren.

Und: No-Name-Produkte schnitten in diesem Test schlechter ab, als Markenprodukte.
 

Von Kühlschrank bis Hifi

Bedenkliche Stoffe sind auch heute noch in sehr vielen weiteren Elektrogeräten enthalten.

Etwa bromierte Flammschutzmittel

Sie werden als Brandschutz eingesetzt. Am verbreitetsten sind Tetrabrombisphenol A (TBBPA), Decabromdiphenylether (DecaBDE) und Hexabromcyclododecan (HBCD).
Man hat festgestellt, dass  sie sich  weltweit sowohl in Sedimenten und Stäuben als auch in vielen Tieren  wie Greifvögeln, Krustentieren, Fischen, Eisbären, Robben und Füchsen anreichern und in die Nahrungskette des  Menschen gelangen können. Bromierten Flammschutzmitteln  wird eine schädliche Wirkung auf die embryonale und frühkindliche Entwicklung nachgesagt. HBCD gilt dabei als besonders gefährlich.
Es besteht die Gefahr, dass bei der Verbrennung aber auch beim Recyceln toxische Dioxine und Furane entstehen. Sie wurden bereits im Blut von Arbeitern in Recyclinganlagen nachgewiesen.   
Bromierte Flammschutzmittel werden in Fernsehern, CD-Player, Musikanlagen, Computer, Monitoren, Telefonen, Bügeleisen, Lampen und anderen Elektrogeräten verwandt. (Quelle: „Schadstoffe in Alltagsprodukten - Wo sie sich verbergen und wie man ihnen als Verbraucher auf die Spur kommen kann“ )

Etwa Weichmacher

Auch Weichmacher sind in unzähligen Varianten mit unterschiedlichen Gefährdungsgraden in den meisten Elektrogeräten enthalten.
Besonders gefährlich sind DEHP, DBP, BBP, DIBP, DIHP und DHNUP (Di-ethylhexylphthalat, Dibutylphthalat, Benzylbutylphthalat, Diisobutylphthalat, Diisoheptylphthalat und Di(heptyl, nonyl, undecyl)phthalat).
Sie kommen in vielen Kunststoffen vor, so auch in Umkabelungen, im PVC und in Gehäusen von Elektrogeräten. Manche gelten als fruchtschädigend. Sie können die Fortpflanzung beeinträchtigen  sowie bei Kindern Verhaltensstörungen auslösen. Weitere Schäden können sie in Verbindung mit anderen Chemikalien hervorrufen. (Quelle: „Schadstoffe in Alltagsprodukten - Wo sie sich verbergen und wie man ihnen als Verbraucher auf die Spur kommen kann“)
 

Und es kommt noch dicker – insbesondere bei älteren  Geräten

Großangelegte Studien über Elektro-Altgeräte, die auch heute noch in vielen Haushalten stehen, mahnen nach wie vor zu besonders bedachter Entsorgung ausrangierter Elektroartikel.
Bei Geräten, die vor 2002 hergestellt wurden, muss man mit einem erheblich erhöhten Gehalt an Schadstoffen rechnen.
Eine 2001 im Auftrag des Ministeriums für Umwelt und Verkehr des Landes Baden-Württemberg veröffentlichte Studie zeichnet zeichnet ein dunkles Bild:
Untersucht wurden Stoffe , die entsprechend dem damaligen Entwurf der EU-Richtlinie 2002/96/EG zur Reduktion der zunehmenden Menge an Elektronikschrott - kurz WEEE-Richtlinie (von engl.: Waste of Electrical and Electronic Equipment; deutsch: Elektro- und Elektronikgeräte-Abfall) - als „gefährlich“ bzw. „umweltgefährdend“ eingestuft sind:

  • Schwermetalle: Cadmium, Blei, Quecksilber und deren Verbindungen sowie Chrom VI
  • Flammschutzmittel: Tetra-Brom-Bisphenyl-A (TBB-A), polybromierte Diphenyl-ether (PBDE)
  • Organische Schadstoffe: Polychlorierte Biphenyle (PCB)
  • Andere Stoffe: freies Asbest

Untersucht wurden Bauteile aller üblicherweise im Haushalt vorhandenen Elektrogeräte.

Gehäuse
Wesentliche Schadstoffe in PC-Gehäusen von Elektroartikeln waren bromierte Flammschutzmittel.
Ferner waren Spuren von Schwermetallen wie Cadmium enthalten.

Leiterplatten
Auf Leiterplatten und in integrierten Schaltkreisen befanden sich zahlreiche gefährliche Stoffe in geringeren Mengen, in erheblichem Maße aber Flammschutzmittel und Blei in den Lotverbindungen. Leiterplatten bzw. integrierte Schaltkreise finden sich in fast allen Elektrogeräten - in der Unterhaltungselektronik praktisch immer.

Bildröhren (TV, PC-Monitore)
Im Wesentlichen ist das im Konusglas enthaltene Blei zu nennen. Andere Schadstoffe spielen eine geringere Rolle.

LCD-Bildschirme
LCD-Bildschirme enthalten viele verschiedene chemische Substanzen. Die Zusammensetzung ist je nach Hersteller unterschiedlich. „Nach einer Mitteilung des Umweltbundesamtes (UBA) vom 16.5.2001 basierend auf einer Untersuchung von LCDs durch das UBA in Zusammenarbeit mit den wesentlichen Herstellern, besitzen LCDs ein sehr geringes ökotoxisches Schadstoffpotenzial, so dass keine sonderabfallwirtschaftlichen Maßnahmen gerechtfertigt sind.“

Kondensatoren
Kondensatoren enthalten wassergefährdende Stoffe. Man findet sie in praktisch allen elektronischen Geräten.

Quecksilberschaltungen
Quecksilberschaltungen werden bei einer hohen Anzahl von Schaltvorgängen oder hohem  Stromfluss sowie zur erhöhten Sicherheit eingesetzt. Sie enthalten metallisches Quecksilber und sind als besonders giftig einzustufen.

Asbest
Asbest ist noch in älteren Geräten vorhanden, die Temperaturen > 200°C ausgesetzt sind – etwa Nachtspeicherheizungen.
Asbest ist höchst krebserregend.

Diese Stoffe sind heute von der RoHS als Gefahrstoff eingestuft und weitgehend verboten. Allerdings dürfen manche  in geringen Mengen noch eingesetzt werden sofern es keine „ökonomisch vernünftigen“ Alternativstoffe gibt.
Vor allem bei Geräten, die vor 2003 produziert wurden, muss man mit bedenklichen Mengen dieser Stoffe rechnen. Sie können bei unsachgemäßer Entsorgung gesundheitliche und ökologische Schäden verursachen.
 

Exkurs "Leuchtkörper"

Glühbirne und Halogenlampe
Die mittlerweile aus energetischen Gründen von der EU verbotene Glühbirne besteht aus Glas, der  Sockel meist aus Glas, Keramik, Kupfer, Messing, Eisen und der Glühfaden aus Wolfram. Giftstoffe sind nicht enthalten.
Ähnlich ist es mit der Halogenlampe. Diese enthält jedoch zusätzlich ein Gas, das den Wolframfaden schützt – in der Regel die Halogene Brom und Jod. Brom ist ein natürliches Element und kommt vor allem im Meerwasser vor. Es gehört zu den lebensnotwendigen Substanzen, die wir täglich einnehmen. Lebensmittel enthalten etwa bis zu 25 mg Brom pro Kilogramm. (Quelle: Lexikon der Ernährung – Brom  )
Nur in hohen Dosen ist Brom giftig. So wird es zum Beispiel auch als Desinfektionsmittel eingesetzt.
Jod kommt ebenfalls in der Natur vor – meist in gebundener Form im Meerwasser. Es gilt ähnliches wie bei Brom. Es ist für die menschliche Gesundheit unabkömmlich, jedoch in hohen Dosen giftig. Von der EU wird es als „Gefahrstoff“ eingestuft (Quelle: Wikipedia) .
Anhaltspunkte, dass die Halogene in Halogenlampen einen gesundheits- oder umweltgefährdenden  Wert erreichen würden, wurden von uns nicht gefunden. Dies gilt aber nicht für Halogen-Metalldampflampen, die beispielsweise in Scheinwerfern oder Außenbeleuchtungen eingesetzt werden. Diese enthalten giftiges Quecksilber und müssen entsprechend sonderentsorgt werden.

Leuchtstoffröhren, Neonröhren, „Energiesparlampen“
„Energiesparlampen“ und Leuchtstoffröhren (Neonröhren) sind Gasentladungslampen. Sie enthalten geringe Mengen an Quecksilber. In der EU sind seit 2012 noch 3,5 mg Quecksilber pro Lampe zulässig; davor waren es 5 mg. Größere Leuchtstofflampen dürfen bis zu 10 mg enthalten - zum Vergleich enthielten die - inzwischen verbotenen - Quecksilberthermometer oft über 1000 mg. (Quelle: Energielexikon)

LEDs
Auch LEDs sind „Energiesparlampen“. Sie funktionieren aber grundsätzlich anders. Weder Quecksilber noch Gase kommen zum Einsatz. Sie basieren auf Halbleitertechnik und enthalten Metalle aus der Gruppe der seltenen Erden. Hinweise auf eventuell gefährdende Eigenschaften sind uns nicht bekannt.

 
Der gesetzliche Hintergrund

Die EG-Richtlinie 2002/95/EG (in Kraft getreten 2003) zur Beschränkung der Verwendung bestimmter gefährlicher Stoffe in Elektrogeräten (RoHS 1 = engl.: Restriction of the use of certain Hazardous Substances), die 2006 in Kraft getretene Chemikalienverordnung REACH (Registrierung, Evaluierung, Autorisierung und Beschränkung von Chemikalien) sowie die Richtlinie 2011/65/EU (RoHS 2) (in Kraft getreten 2013) zeigen Erfolge:
Waren zuvor Blei in Loten und als Abschirmung vor elektromagnetischer Strahlung, sowie Quecksilber in der Hintergrundbeleuchtung von Fernsehern, Chrom als Korrosionsschutz und Cadmium in Kunststoffgehäusen  sowie Asbest und andere gefährliche Stoffe völlig üblich, sind sie in modernen Geräten noch reduziert vorhanden oder aus ihnen ganz verschwunden.

..., aber Kontrolle ist besser
Dennoch ist Vorsicht geboten. Die gesetzlichen Regelungen lassen Ausnahmen zu und es halten sich nicht alle Hersteller an die Bestimmungen. Außerdem sind immer noch eine Vielzahl von Flammschutzmitteln und Weichmachern zugelassen und weitläufig im Einsatz.

Die BILD-Zeitung veröffentlichte am 5. Juli 2013 Ergebnisse eines Tests an 118 Elektroartikeln. Demnach dürften 32 von 118 Produkten gar  nicht verkauft werden, weil sie gegen die RoHS-Richtlinie verstoßen.
58 der untersuchten Produkte enthielten den bedenklichen Weichmacher DEHP – viele davon sogar mehr als erlaubt. Trauriger Spitzenreiter war eine Lichtkette, die den Grenzwert um mehr als das 140-fache überstieg.
 

Sie wollen's genau wissen?

Wenn Sie bereits beim Kauf auf Nummer sicher gehen wollen, können Sie beim Hersteller nachfragen, welche bedenklichen Stoffe im Produkt enthalten sind.
Hersteller sind seit  REACH zur Auskunft verpflichtet – sofern bedenkliche Stoffe im Produkt enthalten sind.
Um es Ihnen einfacher zu machen, stellt der Bund für Umwelt- und Naturschutz Deutschland ein Onlineformular bereit. Hier brauchen Sie nur Produktname, Strichcode-Nummer und Ihre Kontaktdaten ein einzutragen. Automatisch wird dann eine entsprechende Anfrage beim Produkthersteller gestellt. Zum Onlineformular klicken Sie bitte hier.

Einen ähnlichen Service bittet das UBA an.
In diesem Zusammenhang sei aber erwähnt: dass  c’t (Ausgabe 5/14) das Tool ausprobiert hat und zu dem Ergebnis kam, dass kaum Antworten zurückkommen.
Der Verbraucher darf sich in diesen Fällen fragen: Gibt es keine Antwort, weil das Produkt keine Schadstoffe enthält, oder will der Hersteller nicht antworten, weil es sehr viele Schadstoffe enthält.
Vielleicht können aber viele Nachfragen mit dazu beitragen, dass sich Hersteller  von Elektroartikeln motiviert fühlen, freiwillig auf eine schadstoffärmere Produktion umzustellen.
Welchen Schaden belastete  Elektrogeräte weltweit – z.B. in Ghana - anrichten können, wenn sie illegal entsorgt werden, finden Sie in unserem Beitrag. "Elektroschrott in Afrika

Autor: Andreas Pützer

Bildnachweis: © Andreas Pützer

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