Problemfall Plastiktüte

InhaltPlastktüte im Nest eines Storchen

 

 

Alle reden von der Plastiktüte … Und was ist mit der aus Papier?

Das Gute zuerst:
Die größten Ferkel in Hinblick auf Plastiktüten sind nicht die Europäer. Es sind noch nicht einmal die Deutschen. Und die Berliner Bürger*innen sind es schon gar nicht.

Und das Schlechte:
Das könnte sich bald ändern. Deutschland verringert seinen Plastiktüten-Müll - aber nur gemächlich. Statt Fortschritte durch gesetzliche Maßnahmen zu pushen, ruhen sich politische Instanzen auf aktuellen Zahlen aus und freuen sich über freiwillige "Signale" aus dem Handel.
 

Plastiktüte global

In Asien verstopfen Plastiktüten Kanäle und werden für Überschwemmungen verantwortlich gemacht. Auf www.ozeankind.de liest man, dass in Thailand jährlich 70 Mio. Plastiktüten benutzt werden. In Indonesien soll es laut www.ecomonkey.de nicht besser sein. Hier gehen jährlich 10 Mrd. Plastiktüten über den Tresen.
Problematisch ist vor allem, dass die Tüten kaum recycelt werden. Ein staatlich geregeltes Rücknahme-System existiert nicht. Viele Plastiktüten landen letztendlich im Meer. So mancher Meeresbewohner,  ob Fisch, Vogel oder Säuger, wurde verendet aufgefunden, verhungert, weil der  Magen mit Plastikmüll – meist Tüten – gefüllt war. Fotos von schwimmenden Inseln aus Plastikmüll kennen wir alle.
In vielen Ländern Asiens wurden daher schon vor Jahren Regelungen eingeführt, die es untersagen, Plastiktüten im Geschäft kostenlos abzugeben. In Japan kann ein Geschäfteinhaber mit mehreren Tausend Yen Strafe rechnen, wenn er dagegen verstößt. In Taiwan gibt es seit längerem ein Plastiktütenverbot für Supermärkte, Einzelhandelsgeschäfte und Fast-food-Restaurants. Es soll 2018 auf weitere Geschäfte ausgedehnt werden.
 

Plastiktüten in Europa und Deutschland

HemdchentütenIn Europa lag der Jahres-Pro-Kopf-Verbrauch an Plastiktüten 2010 je nach Land zwischen 8 und 421 Tüten. Deutschland lag mit seinen 71 Einwegtüten aus Plastik deutlich unter dem EU-Durchschnitt mit 198 Stück (Quelle: Umweltbundesamt). Gemeinsam produzierten wir Deutsche dennoch jährlich einen Berg von 6,1 Milliarden Plastiktüten und 3,1 Milliarden "Hemdchenbeutel" (dünnwandige Plastiktüten mit max. 15 Mikrometer Wandstärke zum Einpacken von Obst und Gemüse). Das entspricht insgesamt 95.000 Tonnen Kunststoff. (Quelle: Umweltbundesamt).
Mittlerweile haben sich die Zahlen verbessert. Der deutsche Pro-Kopf-Verbrauch an Einweg-Plastiktüten reduzierte sich auf 68 im Jahr 2015 und laut Handelsverband Deutschland (HDE) auf 45 in 2016. (Quelle: Süddeutsche Zeitung, 16.06.2017)

Seit Mai 2015 ist in der EU die Änderung [2015/720] der europäischen Verpackungsrichtlinie [94/62/EG]) in Kraft, die den Verbrauch von Einweg-Plastiktüten („leichte Kunststofftragetaschen“ mit einer Wandstärke bis max. 50 Mikrometer) von ursprünglich 200 Tüten pro Kopf über 90 im Jahr 2019 reduzieren soll auf 40 Tüten bis Ende 2025.  Die Verordnung überlässt es den Mitgliedstaaten, zu entscheiden, wie sie die Zielmarken erreichen wollen.

In Deutschland kamen deshalb das Bundesumweltministerium (BMUB) und der HDE am 26. April 2016 überein, dass Geschäfte keine kostenlosen Plastiktüten mehr an Kunden abgegeben sollen. Aber: Nichts ist bindend und nichts wird effektiv kontrolliert. Denn, Handlungsdruck in Hinblick aus die EU-Vorgaben besteht hier zu Land nicht. Sehen wir uns die Zahlen an: Bezüglich der Plastiktüte ist bis über 2019 hinaus alles im Lot und bis 2025 noch viel Zeit.

In Irland werden dagegen dank einer Abgabe schon heute nur 16 Plastiktüten pro Person und Jahr genutzt. Dort führte die Einführung einer Abgabe je Plastiktüte von 15 (2002) und später 22 Eurocent (2007) zu einer Reduktion des Plastiktütenverbrauches um 90 Prozent.

Wenn man berücksichtigt, dass die "Hemdchenbeutel" per EU-definitionem gar keine Plastiktüten sind, dann wird klar, dass vor allem eine restriktivere gesetzliche Definition von Plastiktüten deren Einsatz deutlich reduzieren würde. Man könnte etwa alle "eingeschränkt  wiederverwendbaren" Einkaufstüten mit einer Abgabe belegen, deren "Gebrauchszweck eine kurzzeitige Nutzung zum Transport von Waren ist". Darunter würden dann auch die berühmten "Hemdchenbeutel" fallen. (Quelle: Deutsche Umwelthilfe e.V.)
 

Plastik, Papier, Mehrweg

Die Einkaufstüte ist also in aller Munde, was hier bei uns auch daran liegt, dass REWE die Werbewirksamkeit des Themas entdeckt hat und wirbt, keine Einweg-Plastikeinkaufstüten mehr an die Kunden abzugeben. Auch Real und Lidl haben sich mittlerweile von der Einweg-Plastiktüte verabschiedet.
Aber: Gemeint sind freilich nur die großen dickwandigen Tüten. Die dünnen „Hemdchenbeutel“ für Obst und Gemüse gibt es weiterhin kostenlos.

Und die Papiertüte? Bunte Einwegtüten
Die gibt es beim REWE noch.

Weder die EU-Richtlinie, noch die Vereinbarung zwischen BMUB und HDE betreffen die Papiertüte. Etwas zynisch untertitelt die FAZ einen Artikel, „Rewe nimmt die Plastiktüte aus dem Sortiment. Die Umweltministerin jubelt, das Gewissen der Deutschen fühlt sich sauber. Die Umwelt nicht unbedingt“. Der Ministerin Hendricks komme es nach eigenen Angaben auf „das Signal“ an.

Tatsächlich, voll solcher Signale sind die deutsche Medien. Ein Einzelhandelsunternehmen verzichtet auf Plastiktüten nach dem anderen - freiwillig. Stattdessen verlassen die Kunden die Läden zunehmend mit Papiertüten. 900 Mio. Einweg-Papiertragetaschen scheinen vor diesem Hintergrund erst der Anfang zu sein, einer großen Karriere.

Die Papiertüte feiert ein Comeback. Aber ist - wie übrigens auch biologisch abbaubare Plastiktüten - keine sinnvolle Alternative. Sie zeigt in Ökobilanzen keine Vorteile gegenüber der  herkömmlichen Plastiktüte. Eine konventionelle Papiertüte wird mit fast doppelt so hohem Energieeinsatz hergestellt wie die Plastiktüte. Die Herstellung erfordert mehr Wasser, mehr Rohstoff, und erzeugt mehr Kohlendioxid. Der einzige Vorteil von Papier ist, dass es sich im Meer schnell auflöst und weder Wasser noch Tiere vergiftet. Auch in Landschaft und Natur wird sich die Papiertüte irgendwann aufgelöst haben. Bei der Plastiktüte kann man darauf lange warten.
Papiertüten enthalten darüber hinaus nur einen geringen oder gar keinen Anteil an Altpapier, denn sie benötigen für ihre Reißfestigkeit die langen Papierfasern frischen Zellstoffs. Dies gilt auch für braune Papiertüten, die eingefärbt sind. Vor allem die von der Modeindustrie verwendeten Papiertüten sind viel ressourcenintensiver als Plastiktüten. Für deren Produktion werden zusätzliche Energie, Wasser und vor allem Chemikalien eingesetzt.
Biokunststoffe hingegen sind meist Störstoffe in der Bioabfallbehandlung. Sie zersetzen sich nur langsam und werden daher in den Kompostierungsanlagen aussortiert. In die Wertstofftonne gehören sie noch weniger. Biokunststoffe werden nicht recycelt. Sie würden eher zu Verunreinigungen des Recyclats führen. (Quelle: Umweltbundesamt)

Die Frage ist deswegen nicht „Papier oder Plastik?“. Die Frage heißt, „Mehrweg oder Einweg“. Und die Antwort heißt ganz klar „Mehrweg“.Einkaufstasche
Entsprechend will ALDI nun einen Schritt weiter gehen, als REWE.
Bis Ende 2018 sollen über seine Tresen nur noch Mehrwegtaschen gehen. Sowohl Einweg-Einkaufstüten aus Papier werden abgeschafft, wie auch die dünnen „Hemdchenbeutel“ für Obst und Gemüse. Stattdessen will ALDI künftig ausschließlich Mehrwegtragetaschen aus stabilerem Kunststoff anbieten. (Quelle Süddeutsche Zeitung)
Offensichtlich zeigt die Macht des umweltbewussten Kunden Wirkung.
 

Berliner Plastiktüten

Die Berliner nutzen im Jahr mehr als 266 Millionen Plastiktüten. Das entspricht pro Kopf knapp 50 Tüten, was sich zunächst nicht so schlecht anhört. Aber bei einem Durchschnittsgewicht von 30 g pro Plastiktüte produziert jeder Berliner Bürger beim Einkauf jährlich 2,3 kg  zusätzlichen Verpackungsmüll (Quelle: Einweg-Plastik kommt nicht in die Tüte!, Deutsche Umwelthilfe).
Dass wir aber das Tütenproblem bereits ganz aktiv angehen, zeigt das Projekt „Berlin tüt was“. 
Mehr dazu auf deren Website: http://www.berlintuetwas.de .

 

Autor: Andreas Pützer

Bilder (Storch, Hemdchentüten): creative commens
Bild (bunte Tüten):
© Stephanie Hofschlaeger  / pixelio.de
Bild (Einkaufstasche): © S.G.S. / pixelio.de
 

 

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